Simon Krackrügge

Ein Prototyp als Babelfisch

Autor: Rolf Schulte Strathaus

Simon berichtet auf der Working Products von einem internationalen Research Projekt, wo ein Prototyp als Universal-Botschafter bei der Verständigung geholfen hat. Im Vorfeld hat Rolf von eparo mit Simon von Micromata schon mal ein paar Hintergründe zu diesem Projekt und zu den Besonderheiten eines Product Owners auf Dienstleisterseite besprochen.

Rolf: Was ist deine Rolle? Was machst du eigentlich bei Micromata?
Simon: Ich bin im Moment Product Owner im Projekt. Das sind ca. 80 Prozent meiner Beschäftigung und ansonsten treibe ich das Thema Requirements Engineering voran.
Ich bin im UX-Team angedockt, so als Haupt-Heimat und wenn ich in Projekten bin, ist das immer noch mein Hafen.

Rolf: Ach so, dann bist du als UX-Mensch in die Product Owner Rolle gerutscht...
Simon: Es gibt einfach viele Rollen im UX-Bereich. Das UX-Team sind 14 Leute von 140, also knapp zehn Prozent, wobei da halt auch ein Teil der Frontend-Entwickler mit bei uns im Team ist, um manche Sachen schnell mal prototypen zu können. Vom Informationsarchitekten über die klassischen UX-Designer und der Anforderungsanalyse decken wir das komplette Anforderungsspektrum bei uns im Team ab.

Rolf: Das finde ich gut. Ich habe oft den Eindruck, dass Product Owner, die einen UX-Hintergrund haben, etwas stärker auf die Nutzer achten. Und dann bist du an das Projekt gekommen, was du in deinem Vortrag vorstellen willst. Worum ging es da?
Simon: Es ist ein KPI-Tool im Automotive-Bereich, d.h. die Händler in den Landesgesellschaften stellen ihre Zahlen zur Verfügung, um sich mit anderen und mit dem Markt vergleichen zu können. Und für die Hersteller geht es darum, einfach näher am Autohaus zu sein, Daten zu haben und zu wissen, wie gerade die Situation ist in den Märkten.

Rolf: Ah, darum auch der internationale Fokus und die Anforderung, herauszufinden, was funktioniert und wo noch Optimierungspotenzial in den Märkten liegt.
Simon: Also wir haben praktisch ein Altsystem abgelöst. Die Lösung, die mal gekauft hatte eine Menge Ecken und Kanten. Wir entwickeln ja Individualsoftware mit unserem Auftraggeber, um Lösungen zu schaffen, die genau auf die Kundenbedürfnisse zugeschnitten sind. Aus manchen Berichten war uns klar, wo die Painpoints mit dem alten System lagen. Und das war nochmal der Hintergrund in die unterschiedlichen Märkte zu gehen, um zu sehen, wie unterschiedlich die Anforderungen dort sind. Letztendlich soll ja eine Lösung entstehen, die überall funktioniert, egal ob in China, USA oder Deutschland.

Rolf: War das das erste Mal, dass ihr so umfassend Research machen konntet?
Simon: Ja, das war das erste Mal dass wir das wirklich so international machen durften. Das ist im im B2B-Bereich noch schwieriger, die Fachbereiche davon zu überzeugen, dass man mit den Nutzern sprechen muss. Die Mentalität ist da eher "die Nutzer müssen das System ja sowieso nutzen" und "Wir kennen unsere Nutzer, weil wir die ja einmal im Jahr treffen." Und darum ist es ein hartes Brett zu bohren, bis man das OK bekommt, mal wirklich mit den Nutzern zu sprechen.

Rolf: Hat sich durch das Projekt grundsätzlich was verändert bei euch und den Kunden, wie man an Produktentwicklung rangeht?
Simon: Ich glaube, beim Kunden hat das schon das Gefühl gegeben, dass es sich gelohnt hat, das Geld für die Research in die Hand zu nehmen. Für die zahlt sich das ja noch auf einer ganz anderen Ebene aus. Das Feedback was ihnen entgegengebracht wurde, der Dank, gefragt und involviert worden zu sein, war schon Benefit genug. Beim Rollout der Anwendung hat man das dann deutlich gemerkt. Natürlich waren die Märkte, die von Anfang an involviert waren, deutlich begeisterter und haben die neue Software ganz anders angenommen. Daher hat der Auftraggeber schon gemerkt, dass hier ein echter Zusatznutzen aus der Research gegeben war.

Rolf: Noch eine Letzte Frage, mal weg von dem Projekt: Wie ist das denn als Product Owner auf Dienstleisterseite? Widerspricht das nicht dem Grundverständnis eines Product Owners, wenn du ja im Prinzip immer die Kundenfreigabe brauchst?
Simon: Es widerspricht sich nicht unbedingt. Das kommt ganz auf die Art der Zusammenarbeit mit dem Kunden an. Wichtig ist, dass man ein ganz klares 1:1-Verhältnis hat. Wir haben eine sehr enge Kommunikation und sind ständig in der Abstimmung, um gemeinsam auf den Weg zu kommen. Die Fachabteilung hat so viele andere Themen und Aufgaben und kann oft gar nicht den strategischen Blick auf die Themen halten. Da haben wir mehr Freiräume und können hier unterstützen. Dann können wir halt mit reinbringen, dass wir nicht nur kurzfristig, sondern einfach auch immer versuchen, eine Vision für die Weiterentwicklung mitzuliefern und die Kunden an den Stellen einfach ganz viel zu unterstützen.

Rolf: Zeit zu haben und derjenige zu sein, der potenziell die Möglichkeit hat, Dinge voranzutreiben ist ja ein echter Mehrwert, den ihr als Dienstleister da reinbringen könnt.
Simon: Ich habe den Eindruck, dass dieses Produktdenken von uns immer stärker erwartet wird. In der Automobilbranche spürt man den gestiegenen Druck und dadurch bedingt fehlt da oft der freie Kopf. Im täglichen Klein-Klein geht der Blick auf die Zukunft wohl schnell verloren. Dann sind die Kunden immer sehr dankbar für Anstöße und Ideen. Unsere Rolle verlagert sich da, was sehr schön ist.

Rolf: Das sind spannende Entwicklungen. Ich freue mich auf die Diskussionen darüber nächste Woche. Jetzt erst mal vielen Dank für das Gespräch.