Rainer Gibbert, Product Lead - Star Finanz

Product Leadership - So führen deutsche Product Leader ihre Produktteams

Autorin: Beate Winter

Der Erfolg von Unternehmen, die (digitale) Produkte oder Services anbieten, hängt sehr stark von ihrer Produkt-Organisation ab. Deren Aufbau und Arbeitsweise wird maßgeblich durch den Leiter der Produkt-Organisation – den Product Leader (häufig betitelt mit Head of Product, CPO, VP Product o.ä.) – geprägt.

Doch was bedeutet „Product Leadership“ genau? Wie füllen Product Leader aus Deutschland diese Rolle aus? Was lieben sie an ihrem Job? Und mit welchen Herausforderungen sehen sie sich konfrontiert? All diese Fragen hat Rainer Gibbert (Star Finanz) mit 12 Product Leadern aus unterschiedlichsten deutschen Unternehmen vom Startup bis zum Konzern diskutiert. Auf unserer Konferenz Working Products am 29./30.6. in Hamburg hält er einen Vortrag darüber. Beate Winter von eparo hat vorab schon einmal mit ihm gesprochen:

Beate: Wie bist Du auf dieses Thema gekommen?

Rainer: Im Frühjahr 2017 stand vor der Herausforderung, bald eine neue Rolle als Product Leader einzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt war das Buch „Product Leadership“ von Martin Eriksson, welches Ende Mai 2018 erschien, leider noch nicht verfügbar. Daher kam ich auf die Idee, einfach ein paar Product Leader über XING anzuschreiben und mit ihnen ein Gespräch zu Thema zu führen. Da ich als Autor von produktbezogen.de, einem Blog über Produktentwicklung und UX Design nicht unbekannt bin, bekam ich viel Resonanz – und fasste auch den Plan, hierzu für produktbezogen.de einen Artikel zu schreiben.

Beate: Was bedeutet Product Leadership und was ist mit der Rolle verbunden?

Rainer: Die Gespräche mit den verschiedenen Product Leadern waren sehr ergiebig. Insgesamt haben sich viele verschiedene Tätigkeiten und Verantwortlichkeiten, die die Rolle des Product Leaders mit sich bringt, herauskristallisiert. Ich habe versucht, diese in drei grobe Bereiche zu unterteilen: die drei P „People“, „Processes“ und „Products“.
Zum einen müssen sich Product Leader um das Team und die Menschen darin kümmern. Das heißt, ein Product Leader muss ein gutes Team aufbauen, muss dafür sorgen, dass das Team selbstorganisiert arbeiten kann, dass es die Möglichkeit erhält, Entscheidungen selbst treffen zu können. Das Team muss eigenverantwortlich auf zuvor definierte Ziele hinarbeitet können.
Das zweite Handlungsfeld sind die Prozesse. Das heißt, ein Product Leader muss prüfen, welche Prozesse es im Unternehmen gibt um kundenorientiert Produkte zu schaffen, und wie gut diese funktionieren und im Zweifel muss er sie verändern oder zumindest anzustoßen, dass sie verändert werden.
Und das dritte P bezieht sich auf das Produkt oder die Produkte selbst, angefangen bei der Produktvision, über eine Produktstrategie bis hin zur Umsetzung. Hierbei zeigt der Product Leader die Richtung auf, in die das Team gehen soll und unterstützt das Team anschließend, diesen Weg zu gehen.

Beate: Wodurch zeichnet sich aus deiner Sicht ein erfolgreicher Product Leader aus?

Rainer: Ein erfolgreicher Product Leader füllt all die genannten Verantwortungen und Tätigkeiten gut aus. Er oder sie sollte Spaß an der Arbeit mit und der Entwicklung von Menschen haben, Lust haben Prozesse zu hinterfragen und zu verändern, und natürlich das richtige Product Mindset mitbringen. Es ist sicherlich schwierig, sich um alle Themen gleich gut zu kümmern; jeder bringt abhängig von seinem Charakter und vor allem auch den Erfahrungen andere Schwerpunkte mit. Und den optimalen Product Leader wird es wahrscheinlich nicht oder nur selten geben, weil keiner so perfekt ist, dass er alles immer gut macht.
Aber wichtig ist, dass der Product Leader das richtige Mindset hat und auch in der Lage ist, dieses an das Team und das Unternehmen weiter zu tragen. Und er / sie sollte selbst offen und lernbereit sein, denn der Markt, Herangehensweisen, Technologien und Produkte verändern sich stetig. Entsprechend muss sich auch ein Product Leader immer wieder neu orientieren und ausrichten.

Beate: Welche Eigenschaften muss ein Product Leader mitbringen, um ein agiles Team gute Produkte entwickeln zu lassen?

Rainer: Er muss auf jeden Fall offen sein, auf Menschen zugehen und ihnen zuhören können. Er muss Menschen inspirieren können, damit sie ihm in die Richtung, die er aufzeigt, folgen. Und dann muss er das Team und die Mitarbeiter unterstützen, eigenverantwortlich in dieser Richtung weiterarbeiten, ohne dass er die ganze Zeit hinterherschauen muss. Grundsätzlich sollte er verstehen, wie man Produkte kundenorientiert, nutzerzentriert und datengetrieben entwickelt.

Beate: Im Idealfall entwickeln agile Teams digitale Produkte entsprechend des agilen Manifestes. Feedbackkultur, Transparenz sowie kollegiale Führung und Entscheidungsfindung – Agile Coaches und Scrum Master werden den Teams oft an die Seite gestellt, um den Weg für Selbstorganisation zu ebnen. Dennoch stoßen manche Produktteams an Grenzen, wenn sie mit diesem Mindset nach draußen ins Unternehmen gehen. Welche Erfahrungen hast du persönlich gemacht und in welcher Rolle siehst du an dem Punkt den Product Leader?

Rainer: Häufig entsteht die richtige Produktdenke zuerst innerhalb des Produktmanagement- oder UX-Bereichs des Unternehmens. So lange allerdings nur diese Bereiche ein Product Mindset haben und leben, kommen sie natürlich nicht weit.
Denn wenn andere Bereiche und Abteilungen - sei es die Geschäftsführung, das Marketing, der Vertrieb, das Controlling etc. - anders denken und agieren, kommt es immer wieder zu Diskussionen und kämpfen, die das Unternehmen letztlich davon abhalten, gute Produkte zu bauen. Die Rolle des Product Leaders sehe ich dann wie gesagt darin, den entsprechenden Kollegen zu vermitteln und vorzuleben, was eine gute Produktkultur bedeutet.

Beate: Was genau verstehst Du unter Produktkultur?

Rainer: Produktkultur bedeutet aus meiner Sicht, wenn alle im Team oder noch besser im ganzen Unternehmen wissen, was dazugehört, gute Produkte entlang der Customer Journey zu entwickeln. Jeder Bereich, jede Abteilung im Unternehmen kann und muss ihren Beitrag dazu leisten - angefangen beim Marketing und Vertrieb, über natürlich das Produktmanagement und UX, die Entwicklung und den Betrieb, den Support, bis zum Accounting. Alle gestalten das Produkterlebnis mit und sollten auf eine optimale User Experience achten. In einem Unternehmen mit guter Produktkultur wissen alle, welchen Beitrag sie leisten, um gute Produkte zu entwickeln und zu vermarkten.

Beate: Welche Rolle spielt die Unternehmenskultur für eine gute Produktkultur?

Rainer: Produktkultur ist ein Teil davon. Unternehmenskultur steht allerdings noch eine Stufe darüber. Sie beeinflusst, wie die Menschen und Mitarbeiter miteinander umgehen, wie sie zusammenarbeiten, welche Stimmung insgesamt im Unternehmen herrscht. Eine gute Unternehmenskultur, die Offenheit, Transparenz, Fehlertoleranz und Lernen unterstützt, ist auf jeden Fall eine wichtige Voraussetzung dafür, eine gute Produktkultur zu schaffen, in der alle Mitarbeiter gute Produkte entwickeln können.

Beate: Wie sieht eine ideale Unternehmenskultur aus, die eine agile digitale Produktentwicklung fördert?

Rainer: Ich würde sagen, dazu gehört auf jeden Fall Offenheit und Transparenz. Die Unternehmensvision und -strategie sollte klar und transparent kommuniziert werden, sodass jeder Mitarbeiter versteht, wohin das Unternehmen will und welchen Beitrag er oder sie dazu leisten kann. Außerdem sollte jeder Mitarbeiter Probleme offen ansprechen und Vorschläge einbringen können.
Ebenfalls wichtig ist, dass es eine gute Fehlerkultur im Unternehmen gibt. Hierzu gehört, dass man Sachen auch mal ausprobieren kann – auch mit dem Bewusstsein, dass mal etwas schief gehen kann und dass nicht jedes Experiment, welches man durchführt, gleich erfolgreich sein wird. Wichtig dabei ist, dass es auch eine Kultur des Lernens gibt, dass man aus den gemachten Fehlern lernt und kontinuierlich schaut, wie das Team oder jeder einzelne Mitarbeiter aus den Erkenntnissen, die man so generiert, lernt – um es dann beim nächsten Mal besser zu machen. Das ist im Prinzip ja auch ein Gedanke hinter dem agilen Manifest und dem iterativen Vorgehen bei der agilen Produktentwicklung.

Beate: Was hast Du durch diese 12 Interviews für deinen neuen Job mitgenommen, was machst Du jetzt anders?

Rainer: Seit Juli 2017 bin ich nun selbst in der Situation, das Privatkundengeschäft bei der Star Finanz zu leiten. Hierbei bin ich für ein interdisziplinäres Team aus über 20 Mitarbeitern verantwortlich, dass die Software StarMoney weiterentwickelt. In dem neuen Job konnte ich viele der Ansätze und Konzepte, die ich aus den Gesprächen mitgenommen hatte, anwenden und einbringen. Ich versuche, für das Team da zu sein und eigenverantwortliches Handeln zu ermöglichen, lebe ein Product Mindset vor und versuche, die Prozesse stetig zu verbessern. Das klappt bei einigen Dingen schon ganz gut, an anderen Stellen muss ich sicherlich noch besser werden. Aber ich versuche, immer offen für Kritik und Feedback zu sein und mich und meine Arbeitsweise ständig zu verbessern

Beate: Lieber Rainer, ich danke dir für das Gespräch.