Marcel Semmler - Director Product Office -Bauer Xcel media Deutschland KG

Product Culture Needs Time - Warum es kein „von 0 auf 100“ bei Produktkultur gibt!

Autorin: Beate Winter

Marcel Semmler ist Director Product Office bei Bauer Xcel Media. In einem Vorab-Interview hat Marcel Bauer Xcel Media mit Beate Winter (eparo GmbH) über Produktkultur, Zeit und Unternehmenskultur gesprochen.

Beate: „Gut Ding will Weile haben“, sagst Du in der Ankündigung für deinen Vortrag auf der WP. Und das gilt auch für gute Produkte. Kannst Du da noch mal ein bisschen dazu sagen?
Marcel: Viele Firmen, die probieren, Produktkultur zu etablieren oder generell kulturelle Änderungen, sind schnell dazu verleitet zu sagen: „Das muss schnell gehen. Wir müssen mit dem ersten Wurf schon den richtigen machen. Wir schauen uns einfach an, was es da bei anderen Firmen im Markt gibt und adaptieren das. Oder wir setzen das einfach eins zu eins um und dann funktioniert das schon.“
Aber das, was ich in den letzten Jahren festgestellt habe, ist: das funktioniert einfach so nicht. Jede Firma hat eine andere Herkunft, eine andere Historie, andere Charaktere und Persönlichkeiten, eben eine andere Ausgangssituation. Und so, wie die Ausgangsituation eine andere ist, so ist auch der Werdegang und die Etablierung von Produktkultur eine andere. Seien wir doch einmal ehrlich, beim Etablieren von Änderungen in einer Organisation, werden nur 50-70 Prozent bestand haben und die nächsten 6 Monate überdauern. Und das ist gut so.
Kultur kann man nicht auf dem Reißbrett entwickeln und die Realität wird immer anders aussehen als der Plan. Wenn wir uns das zu Herzen nehmen, ist die Ankündigung zu meinem Vortrag die logische Konsequenz: „Gut Din will Weile haben“. Produktkultur benötigt Zeit. Mal geht es zwei Schritte vor und mal einen wieder zurück.
Beate: Das heißt, es hängt vom Mindset ab, was vielleicht auch unterschiedlich ist bei den Leuten?
Marcel: Ja, das auf jeden Fall. Die Entwicklung von Produktkultur geht in ähnlichen Phasen einher wie auch die agile Transformation. Auch dort gibt es Phasenmodelle.
Denn natürlich muss auch das Mindset der Leute erst mal reifen von einer klassischen Projekt-Sichtweise zu einer Produkt-Sichtweise. Die agile Transformation kann hier als gutes Vergleichsbeispiel genommen werden. Agilität wird in den ersten Stufen der Transformation gerne auch mal sehr dogmatisch umgesetzt. Es wird sich ein Modell, z.B. Scrum, genommen und dieses Modell wird nach Textbuchvorlage umgesetzt. Erst später kommt es in höheren Reifengrade zu einer wirklichen Veränderung des Mindsets. Denn „Agil“ heißt ja nicht, dass Modell X das Beste ist. Agil heißt, dass wir uns jederzeit ändern, Änderungen willkommen heißen und immer schauen, was der beste Weg für die Lösung der Probleme unserer Nutzer ist.
Und so muss auch das Product Mindset in der Organisation erst einmal reifen und in alle Teams vordringen.
Beate: Wird die Firma dann zum Produkt?
Marcel: (lacht) Das ist eine spannende Frage. Ich glaube die Firma selbst wird zum Teil des Produkts und somit wird auch die Firmenkultur Teil des Produkts.
Denn alles, was eine Firma macht, wird sich zwangsläufig in der Produkterfahrung für den Nutzer wiederspiegeln. Und daher ist jede Abteilung auf ihre Weise Bestandteil dieses Produkts.
Beate: Also geht es auch um den Purpose der Firma, den man gemeinsam noch mal definieren muss. Wo will man eigentlich hin? Um eine gemeinsame Strategie und so weiter?
Marcel: Das ist alles natürlich auch Bestandteil der Produktkultur. Produktkultur ist nichts, was man so richtig anfassen kann. Es ist auch nichts, was man explizit ausspricht. Man sagt ja nicht: „Jetzt arbeiten wir mal an der Produktkultur“. Sondern man arbeitet einfach an verschiedenen Bestandteilen: ein gemeinsamer Purpose, gemeinsame Ziele, Strategien, Prozesse, ein Verständnis davon, dass andere Teams genauso wichtig sind, und auch ein Verständnis davon, dass Teams untereinander nicht konkurrieren, sondern gemeinsam ein Produkt voranbringen wollen.
Beate: Und wo ist jetzt der Unterschied zur Unternehmenskultur?
Marcel: Unternehmenskultur ist für mich der deutlich größere Begriff. Natürlich gehen die Begriffe ineinander über. Die Produktkultur hat aber das Ziel, die gesamte Firma als Teil der Produkterfahrung zu sehen und so auch die gesamte Firma in die Entwicklung nutzerzentrierter Produkte einzubinden. Die Unternehmenskultur ist das viel größere Konstrukt außen rum. In der Unternehmenskultur steckt noch viel, viel mehr als der Produktkulturansatz.
Beate: Kann das Zusammenspiel gut funktionieren? Also Produktkultur als ein Teil der Unternehmenskultur, die sich gravierend mit verändert hat?
Marcel: Es kann gut funktionieren, aber es ist auch ein Weg mit vielen Stolpersteinen und es sollte kontinuierlich an der weiteren Verbesserung gearbeitet werden. In Retrospektive sieht oftmals alles viel strukturierter aus. Es gibt aber ja keinen detaillierten Fahrplan, der jeden Schritt im Detail beschreibt. Es ist eher wie eine natürliche Evolution. Man ändert die ersten Dinge. Dann auf einmal kommen die nächsten Bedürfnisse und man ändert wieder Dinge und sukzessive hat sich die Unternehmenskultur geändert. Mit den richtigen Leuten entwickelt sich hier sehr schnell eine tolle Dynamik.
Beate: Vielen Dank für das Interview.