Christina Schreck

Product Culture in a Growing Organisation - ein Blick hinter die Kulissen bei XING

Autorin: Rolf Schulte Strathaus

Rolf: Mich interessiert es sehr, wenn ihr so viele Produktmanager seid, wie kriegt ihr es hin, über die ganzen verschiedenen Segmente einen Gesamtblick auf XING als Plattform zu behalten.
Christina: Das ist in der Tat eine Herausforderung, an der wir konstant arbeiten. Es gibt natürlich diverse Kommunikations-Meetings, z.B. stellen die Produktmanager wöchentlich den Userfacing-Teams vor, was geplant ist und was jetzt gerade live geht, damit die Bescheid wissen und das entsprechend kommunizieren können. Es gibt Team-Meetings, wo alle Produktmanager zusammenkommen, neue Erkenntnisse vorgestellt werden oder ein Überblick über Strategieanpassung eines Bereichs oder Weiterentwicklungspläne gegeben werden. Daneben gibt es diverse weitere Formate zum inhaltlichen Austausch und Abstimmung, auf die ich dann mit meiner Kollegin Lucia in unserem Vortrag eingehe.
Wir gehen auch einmal monatlich miteinander essen. Das klingt vielleicht lächerlich, ist aber sehr nett auch für den Austausch untereinander.

Rolf: Mit 60 Produktmanagern?
Christina: Ja, das geht. Es sind alle eingeladen, nicht jeder hat aber natürlich immer Zeit. Aber das versuchen wir schon. Und es gibt Alignment-Meetings auf allen Ebenen. Was wir inzwischen recht stark machen, ist eine Quartalsfokussierung. Die Bereiche erarbeiten ihre Roadmaps für das kommende Quartal, die dann in einem Alignment Meeting zwischen den Product-Leads, dem CPO und den BU-Heads vorgestellt werden. Normalerweise haben die POs die übergreifenden Themen schon unter sich abgestimmt, sodass sie auf beiden Roadmaps vorkommen. Aber ansonsten ist da noch mal die Gelegenheit zu erkennen, dass ein anderer Bereich etwas vorhat, das in eine ähnliche Richtung geht und das man gut kombinieren könnte.
Danach werden die Quartals-Roadmaps in der großen Runde vorgestellt mit allen POs und diversen weiteren Disziplinen, die dann noch dazukommen. Die Analysten gehören natürlich dazu, die Marketingleute und so weiter. Danach weiß jeder, was alles geplant ist.
Und zu der Frage "Wie schaffen wir es denn, ein Gesamt-XING zu haben?: Wir haben die Firmen-Vision und -Mission. Wir haben natürlich strategische Ziele. Wir haben auch größere Initiativen, die von Jahresbeginn an feststehen und an denen sehr viele Teams gemeinsam arbeiten, um bestimmte Ziele zu erreichen.
Auf der mobile Seite haben wir die so genannten Plattform-Teams, die für Konsistenz sorgen. Wir sind so aufgestellt, dass Teams, die für einzelne Bereiche zuständig sind, ihren Bereich auf allen Plattformen vertreten. Das heißt zum Beispiel, ein Profilteam betreut das Profil im Web und auf iOS und Android. Und natürlich darf aber eine App, die man dann zum Nutzer ausliefert, nicht so aussehen, als hätten da 13 verschiedene Einzelteams ihren eigenen Stiefel gemacht, sondern es muss eine konsistente App sein. Und genau die Aufgabe haben wir hier auch auf Plattformseite. Das heißt, wir haben den Gesamtblick auf die App und die User Experience. Bei uns liegen auch die Themen wie die allgemeine App-Architektur, Design-Systeme, Komponentensystem und so weiter. Die Teams kennen sich gut aus, aber im Zweifel kann man dann noch mal gemeinsam schauen, wie man jetzt bestimmte Neuentwicklungen am besten lösen kann, damit sie ins Gesamtbild passen.

Rolf: Das klingt nach extrem viel Abstimmung.
Christina: Ja, das stimmt schon, aber das ist tatsächlich nötig, weil wir so groß sind. Bei der Größe, die wir haben, läuft man natürlich Gefahr, aneinander vorbei oder nebeneinander her zu arbeiten, und das darf natürlich nicht passieren. Deshalb ist das Thema Alignment und auch das ganze Thema Kollaboration sehr wichtig für uns. Wenn wir als Organisation merken, an irgendeiner Stelle können wir besser werden, bessere Ergebnisse erzielen, dann beschäftigen wir uns auch wirklich damit. Dann stecken wir nicht den Kopf in den Sand und sagen "läuft nicht, dann bleibt das halt so." Sondern wenn wir an irgendeiner Stelle feststellen, da sollten wir nochmal ran, dann machen wir das auch.

Rolf: Geht das auch so weit, dass die eine Business-Unit was macht, was den Zielen einer anderen Business-Unit nützt.
Christina: Natürlich. Die Teams sprechen ja miteinander und letztlich geht es um den Nutzer und eine möglichst gute Experience. Wenn zwei Teams gemeinsam feststellen, dass sie gemeinsam mehr erreichen können als jeder für sich alleine, werden sie das Thema gemeinsam umsetzen. Wenn Team A etwas für Team B tun soll, müssen sie sich abstimmen und Platz auf der Roadmap finden. Dazu würde Team B dann die Zahlen zum Potential usw. liefern, damit Team A das Thema entsprechend in der Priorität einordnen kann. Wenn Team A partout keinen Platz auf der Roadmap hat, weil andere Themen eine höhere Priorität haben, kann man das auf einer Ebene darüber besprechen. Dann können die entsprechenden Product Leads oder BU-Heads noch mal draufschauen, was jetzt eigentlich der Gesamtstrategie am zuträglichsten ist.

Rolf: Aber das geht wirklich nur in dieser höheren Ebene?
Christina: Idealerweise einigt man sich selbstverständlich einfach zwischen den POs. Und wenn man jetzt mal gesunden Menschenverstand bei jedem unterstellt, dann kommen ja die POs zu ihren Nachbar-POs auch nicht mit Schwachsinn angelaufen. Wenn man aber jetzt wirklich mal das Thema hat, "Ok, das Thema von dem anderen PO, der jetzt gerade was von mir möchte, ist total valide für seinen Bereich. Aber ich habe meine Ziele, die ich hier erfüllen soll.", dann ist das ja erst mal auf der Ebene unlösbar. Und dann ist es tatsächlich am sinnvollsten, dass man das eine Ebene höher trägt. Denn man kann nun mal nicht alles gleichzeitig machen, und natürlich müssen wir schauen, dass wir als Gesamtorganisation die sinnvollsten Dinge tun und nicht nur die, die wir persönlich am liebsten auf der Roadmap sehen möchten.

Rolf: Was mich interessiert ist, wie ihr im Team arbeitet. Ihr habt ja in den crossfunktionalen Teams keine klassische Führungskraft mehr. Keinen, der mehr ansagen kann, hier geht's lang kann. Macht ihr irgendwas dafür im Team?
Christina: Letztendlich entscheiden, was gemacht wird, muss der PO. Der kriegt ja auch auf den Deckel, wenn es Mist geworden ist. Wir arbeiten ja nicht in einem allgemeinen Entscheidungsgremium und was am meisten Punkte beim Dot-Voting kriegt, wird gemacht. Aber der PO bezieht natürlich den Input von allen Teammitgliedern mit ein.
Zu den Abläufen im Team und Verbesserungspotential macht jedes Team Retros. Und die Agile Coaches unterstützen bei dem Prozess, sodass möglichst gut zusammengearbeitet wird.
Wenn es mal etwas Persönliches zwischen Team-Mitgliedern gibt, sollte das möglichst schnell geklärt werden, damit man gut und produktiv im Team zusammenarbeitet.

Rolf: Habt ihr schon Mechanismen dafür? Habt ihr da eine Kultur für entwickelt?
Christina: Es gibt die Prinzipien zur respektvollen non-violent Kommunikation. Man sollte also keinen Vorwurf formulieren sondern das Ganze aus seiner eigenen Perspektive benennen und wie es gewirkt hat. Dann erfährt man, ob es beim Gegenüber nur Gedankenlosigkeit war oder ganz anders intendiert, als es bei mir angekommen ist.
Wir haben bei Bedarf auch Unterstützung von Coaches sowie natürlich unsere eigenen Agile Coaches. Ich persönlich ermutige die Leute immer sehr, miteinander zu sprechen, weil ich selber auch jemand bin, der nicht gerne mit ungeklärten Situationen verbleibt. Wenn man Dinge anspricht und klärt, ist es vom Tisch und danach in der Regel deutlich besser.

Rolf: Ich danke dir für dieses Gespräch.